Wir 1983er-Autoren

Anna Basener. Quelle: Wiki

Wer selbst im schreibenden Fach herumstümpert, ist fast blind – man hat nämlich in der Regel ein ebenso waches Auge auf die lieben Kolleginnen und Kollegen, wie man mit einem besonders verklebten Auge auf die eigenen Texte glotzt.

Die Besten des Kujau-Jahrgangs

Wer, wie der Autor dieser Zeilen, erst relativ spät zum Tippen kam und sich darin mehr eiernd und irrlichternd als zielstrebig fortbewegt, hat vor allem Zeit damit verbracht – richtig: die Bücher der anderen zu lesen. Nicht aus Missgunst, aus Neugier. Haben sie was gemeinsam, diese jungen Erwachsenen, die das Leben zum Schreiben gemacht haben?
Logiert man im Abbruchschick Berlins oder in der Provinz? Wie klingt, was da gedruckt wird: Sind sie Postpop oder nur postpubertär? 

Grund genug, den besten deutschen Autorinnen und Autoren des Jahrgangs 1983 – die literarische Höchstleistung des betreffenden Jahres bestand übrigens in Kujaus gefälschten Hitler-Tagebüchern – einmal in die Laptops zu schauen.

Andreas Stichmann (Hamburg)
Ausbildung: Deutsches Literaturinstitut Leipzig
Bücher: Jackie in Silber. Erzählungen 2008

Andreas Stichmann gehört zu den besten Sozialrealisten der jungen Generation: Seine gescheiterten Helden sind originell, ohne gesucht zu wirken; ihre Niederlagen und geplatzten kleinen Hoffnungen sind rührend, ohne klischiert zu werden. Stichmanns Sprache ist knapp, nicht künstlich lakonisch. Und Witz, eine Prise ironischen Bitterstoff, haben seine Geschichten noch dazu: Im „Goldbarrenmann“ versucht der Sohn eines abgebrannten Möbellagerbesitzers, seinen Vater dazu zu motivieren, an einer obskuren Radio-Promotion-Aktion teilzunehmen: Demjenigen Hörer, der den Goldbarrenmann des Senders in der Stadt mit einem Codewort anspricht, winkt ein Geldpreis. Der Sohn träumt. Der Vater lässt die Chance verstreichen.

So klingt’s: „Der Bademeister hat sich inzwischen in seinem Hochstuhl eingerichtet und die Senioren diffundieren frei durch die Thermalsituation. Du stehst da und siehst gebannt auf dieses lange Mädchen, entdeckst dann aber plötzlich jemand ganz anderen, wen? Einen Menschen.
Also doch.“ (Aus: Der goldene Stern)

Gabriel Vetter (Basel)
Ausbildung: Jura, Theaterwissenschaften (abgebrochen); Bühnenbretter
CDs: Tourette de Suisse, 2005
Menschsein ist heilbar, 2009 

Gabriel ist eine Poetry-Slam-Legende: Der Schaffhauser holte sich 2004 mit seinen Textperformances auf Anhieb den Titel des deutschsprachigen Meisters – die Zuschauer fielen vor Lachen über die druckvoll vorgetragenen Humoresken des Schweizermännleins fast zwischen die Stühle. Kabarettpreise und Literaturstipendien folgten. Heute ist Vetter mit seinem Poeten-Kollektiv SMAAT fast das ganze Jahr auf Bühnen in Deutschland, Österreich und der Schweiz unterwegs und schreibt unterwegs Kolumnen für die Basler Zeitung.

Und so klingt’s: „Er war ein Hamster und es schiss ihn an, ein Hamster zu sein. Er war ein ungarischer Goldhamster, ein reinrassiger ungarischer Goldhamster war er, und er hatte diese reinrassigen Hamsterbacken, wie jeder ungarische Goldhamster. Und er hatte ganz ganz kleine Füße und kleine Beine, viele kleinere Füße und viel kleinere Beine als die Beine wie sie ein Pferd hat oder ein Zebra.“ (Aus: Wazlav, der Hamster)

 

Julia Zange (Berlin)
Ausbildung: Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation
Bücher: Die Anstalt der besseren Mädchen. Roman, 2008/10

Vor Fräulein Zange habe ich ein bisschen Angst. Sie ist Fachfrau für Hoppelhäschen, Terry Richardsons Sisley-Ästhetik und Sprache. Ihre Fotos zeigen eine Porzellanfigurine: streng und schön und stilsicher. Aber ihre Texte beherrschen das kontrollierte Töten: In der „Anstalt der besseren Mädchen“ darf das Kindmädchen Loretta, das nie aus der Trotzphase herausgewachsen ist, selbst ein Kind zur Welt bringen – nur um es in einem mit Maschendraht umzäunten Gehege sich selbst zu überlassen. Man darf gespannt sein, welchen Stoff das „Mannequinwunder“ (I. Mangold) der deutschen Jungliteratur als nächstes aus der Burberrytasche fischt. 

Und so tönt’s: „Die Kindermütter bringen meistens Mädchen zur Welt, Knaben sind unwahrscheinlich. Doktor O. sagt, es hänge mit dem stärkeren Maiglöckchengeruch der Eizellen zusammen. Diese Mädchen sind die potentiellen Verführerinnen, werden oft nicht älter als 25 Jahre, weil sie an Selbstverführung zugrunde gehen.“ (Aus: Die Anstalt der besseren Mädchen)

 

Leif Randt (Hildesheim)
Ausbildung: Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus
Bücher: Leuchtspielhaus. Roman, 2010

Leif gilt vielen als Lichtgestalt der neuen deutschen Popliteratur: Nach zahlreichen preisgekrönten Erzählungen hat er mit seinen neonschicken „Leuchtspielhaus“ in diesem Jahr einen Roman publiziert, der den ästhetischen Hyperaktivismus der Twentysomethings inszeniert. Die Mitglieder eines elitären Frisierclubs huldigem in London der ganzen Coolness ästhetischer Oberflächen: „Jeder unserer Members hat spätestens mit Zahlung des ersten Mitgliedsbeitrags Facebook verlassen.“ Das Generationenbuch der digital natives.

So klingt’s: „Sie sprechen italienische Dorfnamen perfekt aus und vergleichen Fahrbahnatmosphären von heute mit Fahrbahnatmosphären von 2007 oder 2009. Sie hoffen, dass ihnen dieses Jahr ein noch stärkerer Urlaub gelingt. Sandy hält eine Flasche Sprudelwasser zwischen ihren Beinen fest, Carl umgreift das Lenkrad mit nur einer Hand und sitzt stoisch zurückgelehnt.“ (Aus: Spätsommer 2010)

 

Annika Scheffel (Berlin)
Ausbildung: Angewandte Theaterwissenschaften
Bücher: Ben. Roman 2010

Annika Scheffels Stern geht gerade hell auf: Süddeutsche und Frankfurter Zeitung bejubelten ihren Debütroman „Ben“. Zu recht. Die Coming-of-Age-Geschichte rund um die Hauptfigur mit dem Verteidigungsministernamen Benvolio Antonio Olivio Julio Toto Meo Ho Schmitt, der versucht, seine Liebste davor zu retten, vom Tod in einen Stoffbeutel gesteckt zu werden, ist inhaltlich so wagemutig wie sprachlich. 

So klingt’s: „Ein weicher Tag mit Licht, das aus allen Richtungen strahlt. Die Sonne kann das nicht alleine schaffen. Gleißend steht die Stadt zwischen zwei Flüssen, hindurch führt keiner, geschnitten wird sie von Straßen und Wegen und einem Rinnsal, dem die Flüsse den Titel versagen.“ (Aus: Ben)

Anna Basener (Berlin)
Pseudonyme: Katja von Seeberg; Catharina Chrysander
Ausbildung: Kulturwissenschaften und ästhetische Praxis
Heftromane: Eine Romanze in Venedig, 2009
Die Liebe kam nach Grevenglut, 2010 u.a.

Anna Basener macht, was keiner macht: Heftromane schreiben. Schon während des Studiums entdeckte sie ihre Leidenschaft für die Leidenschaft – und machte ihren Beruf daraus. Sogar einen Ratgeber hat sie darüber verfasst, wie die kleine Fleischfachverkäuferin endlich zum Prinzgemahl kommt: rein literarisch natürlich. Heute ist sie die jüngste Heftromanautorin Deutschlands – und erreicht mit ihren Texten wahrscheinlich mehr Leserinnen als all ihre Kollegen zusammen. 

So klingt’s: „Der Prinz seufzte. Sein Blick schweifte durch den weitläufigen Park. Das Schloss war noch nicht zu sehen. Die Auffahrt führte wohlweislich durch den ganzen bemerkenswert großen und bemerkenswert gepflegten Park des Anwesens.“ (Aus: Bin ich deine Liebe wert?)

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